Das Vogalonga-Abenteuer im Inklusions-Frauen-8er

/ Juni 7, 2026

Eine Rudergemeinschaft der Vereine Circolo Canottieri 3 Ponti Roma und WRC Pirat.

Am 24. Mai fand in Venedig die 50. Vogalonga statt. An dieser Ruderwanderfahrt von 30 km nahmen um die 8.000 Personen auf rund 2.000 Booten teil. Im Frauen-8er starteten neben den Damen des Vereins Circolo Canottieri 3 Ponti Roma auch die Piratin Nathalie Podda vom Para-Team, die hier von ihren Erfahrungen berichtet:

Kennengelernt habe ich das Team bei gemeinsamen Ruderwanderfahrten auf der Donau, zu welchen auch Para-Athleten vom römischen Verein eingeladen wurden. Dabei hat sich eine gute Freundschaft entwickelt und ich wurde zur Vogalonga eingeladen.

Viele der Athletinnen hatten zuvor bereits mehrmals an dieser Regatta teilgenommen. So auch unsere Steuerfrau Daniela, die das letzte Mal vor 8 Jahren die Strecke gerudert war und daher entsprechend ortskundig ist. Vor 8 Jahren hatte Daniela auch einen schwerwiegenden Unfall, seitdem sie querschnittgelähmt und im Rollstuhl ist. Insofern gilt diese Regatta auch für sie als Premiere in ihrem neuen Lebensabschnitt. Trotz ihres Schicksalsschlages hat Daniela ihr sonniges Gemüt beibehalten, weswegen sie von allen mit dem Spitznamen Raggio (raggio di sole: Sonnenstrahl) gerufen wird.

Auf dem Foto ist der 8er mit dem „Equiraggio“ zu sehen, Wortzusammensetzung aus equipaggio (Besatzung) und Raggio (Daniela)

Am Sonntag zeitig in der Früh versammelt sich die Truppe am Boot und hebt dieses ins Wasser. Das Boot wird mit Seilen am Ufer gehalten, während außergewöhnlich starke Männer Raggio aus dem Rollstuhl heben und auf ihren stabilisierten Sitz im Boot platzieren. Anschließend steigt die restliche Besatzung ein. Als das Boot startbereit ist und uns Raggio auf den Start und die Regatta vorbereitet, fügt sie hinzu: „Ich bin so überwältigt, ich freue mich richtig wie ein kleines Mädchen. Für mich ist gerade ein Traum wahr geworden – dass ich wieder hier dabei sein kann.“ Die Worte Raggios erfüllen uns alle mit Anteilnahme sowie mit Stolz, diesen Moment mit ihr teilen zu dürfen.

„Finale! …. Via!“ (Endzug, los) Raggio’s Kommando versetzt das Boot unverzüglich in Bewegung und in Richtung eines eindrucksvollen Vogalonga-Abenteuers. Durch schmale Kanäle und unter Brücken hindurch schlängelt sich unser Boot in gemütlichem Tempo. Überwältigend wirkt die Kulisse auf alle: die beeindruckende Architektur Venedigs, aber auch die Fülle an Teilnehmenden auf Drachenbooten, Kanus, Gondeln, die Besatzungen in auffallenden, bunten Uniformen, mit Musikbox oder auch mit Tenoren an Bord. Auf dem Wasserweg staut sich so viel Verkehr, dass rundherum nette Begrüßungen und Glückwünsche ausgetauscht werden, aber auch ein gemütliches Plauscherl mit anderen Booten entsteht. Als wir nach einer Weile die schmalen Kanäle, umgeben von Feldern, erreichen, macht sich vermehrt Ungeduld unter den Booten bemerkbar. Immer wieder schert ein Boot in die Spur eines anderen oder drängt eines vom Weg ab. Wüste Beschimpfungen lassen nicht lange auf sich warten, so wie dies im italienischen Verkehr auch so üblich ist.

Als wir schließlich die Kanäle verlassen und auf dem Weg zu den Inseln auf offene See stoßen, wird unsere Cox von Übermut überwältigt. „Avantiii, Viaaaa,“ feuert sie uns an und wir treten ordentlich auf die Stemmbretter, sodass das Boot rasch an Geschwindigkeit zunimmt. Nach nur wenigen Metern folgt jedoch eine Vollbremsung. Nichtsdestotrotz ist es nicht mehr zu verhindern, dass wir beinahe bzw. wenn, dann nur ganz sanft ein britisches Ruderboot küssen. „Ragazzi! Dovete muovervi!“ (Jungs, ihr müsst euch bewegen) begrüßt Raggio die Truppe brüllend. Diese antworten in forschem und doch recht verblüfftem Ton: „No, you f***ing rammed us!“ (Nein, ich habt uns verdammt nochmal gerammt).

Nach diesem kurzen Tête-à-Tête geht die Fahrt flott weiter und fortan kündigt Raggio unsere Ankunft schon von Weitem an: „Occhio, occhio!“ (Aufpassen).

In der prallen Mittagshitze rudern wir non-stop. Kurze Trinkpausen werden nur paarweise gemacht, während die restliche Besatzung weiterrudert. Dann geht es endlich zurück in die Stadt, wo wir bereits vom Publikum jubelnd und winkend begrüßt werden. Mit unseren letzten Kräften rudern wir mit nur wenigen anderen Booten durch den engen Rio di Cannaregio und schließlich in den Canal Grande. Nach gut vier Stunden erreichen wir endlich unser Ziel, wo uns ein Goody-Bag aus ein paar Metern Entfernung zugeworfen wird, ebenso zwei große Bündel Bananen. Gemütlich rudern wir zu unserem Treffpunkt zurück, wo wir bereits erwartet werden – von einem Kran. Über eine Metalleiter geht es für uns ans Festland. Nur Raggio bleibt noch im Boot sitzen, denn sie wird gemeinsam mit dem Boot von dem Kran an Land gehoben. Nachdem wir die Boote auf die Anhänger gepackt haben, gönnt sich die Frauschaft meines Bootes zur Feier des Tages einen Becher Granita.

Ein Bericht von Nathalie P.